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Rezension zu Die Quacksalber von Quedlinburg, Kennerspiel des Jahres 2018

Das taktische Brettspiel Die Quacksalber von Quedlinburg ist jüngst zum Kennerspiel des Jahres 2018 ernannt worden. Das Thema spricht viele Spielertypen an: es geht, wie so oft bei Gesellschaftsspielen, um Alchemie. Zutaten bunt zu mischen, um daraus mehr oder minder schmackhafte Tränke zu brauen ist ein echter Klassiker, auf den der Spieleautor Wolfgang Warsch bei seiner mittlerweile vierten Spielumsetzung in diesem Jahr zurückgegriffen hat. Vielleicht, weil das Thema gut funktioniert, vielleicht auch, weil seine beruflichen Wurzeln als Molekularbiologe so eng mit den Wirkstoffen von Alraunwurzeln, Fliegenpilzen oder Krähenschnäbeln gemeinsam haben. Die Quacksalber von Quedlinburg wirkt auf den ersten Blick trivial. Man muss das Brettspiel gespielt haben, um den enormen Unterhaltungswert zu erkennen. Dann jedoch wandert da Kennerspiel des Jahres 2018 regelmäßig auf den heimischen Spieltisch. Die Kritikerjury des Spiel des Jahres e.V. war sich der Spielqualität jedenfalls sicher.

Der Titel von Wolfgang Warsch hat scheinbar mehr zu bieten als seine offensichtliche Push-to-Luck-Mechanik. Was genau erfahrt ihr in unserer nachfolgenden Rezension zu Die Quacksalber von Quedlinburg aus dem Hause Schmidt Spiele.

 

Andre Volkmann - Spielpunkt Online Redaktion

von André Volkmann (av)

am 24. Juli 2018 um 19.55 Uhr


Die Quacksalber von Quedlinburg im Test

Rezension zu Die Quacksalber von Quedlinburg, Kennerspiel des Jahres 2018

Ein wenig Vorbereitung verlangt das Kennerspiel des Jahres 2018 schon. Die Quacksalber von Quedlinburg ist keine ausufernde Materialschlacht, allerdings sollte eine alchemistische Kochstelle gut sortiert sein damit der Kessel nicht bei dem Hinzufügen der ersten Zutat in die Luft geht. Neben zahlreichen Zutatenplättchen in verschiedenen Farben, vier Kesseln, hölzernen Tokens, einem Wertungsbrett, Rezeptbüchern, Beuteln und einem Würfel, liegen dem taktischen Brettspiel von Wolfgang Warsch ein Rezeptalmanach und die obligatorische Anleitung bei. Letztere ist gut aufgebaut und hübsch bebildert, redaktionell jedoch nicht optimal ausgearbeitet. Unerfahrene Spieler werden so manche Passage mehrmals lesen müssen, um den Spielablauf nachvollziehen zu können.  Auch an der Stelle, wo es um die farbliche Zuordnung der Siegelplättchen zu den Spielertokens geht, tritt zunächst Verwirrung auf. So hübsch das Spielmaterial auch ausgearbeitet ist, so unpassend ist die Farbabstimmung bezüglich dieses Details. Die Auszeichnung als Kennerspiel des Jahres 2018 dürfte dem Verlag gelegen kommen, immerhin lässt sich der Fauxpas auf diese Weise im Nachdruck leicht beheben. Spielkritisch ist der kleine Fehler indes nicht, weil sich Tokens und Plättchen zumindest ungefähr zusammenpassen und die Siegelplättchen ohnehin nur für das ultimative Finale benötigt werden. Von daher gilt: der Fehler sei angemerkt, ist jedoch unerheblich.

 

Was erfolgreiche Alchemisten benötigen ist jeweils ein eigener Kessel sowie eine Kreuzspinne, einen Kürbis und siebenmal Knallerbsen als Startzutaten. Letztere geben dem Gebräu den richtigen Pfiff - und dem Spiel die nötige Grundspannung. Der Tropfstein wird sodann in der Kesselmitte platziert (das Feld mit der 1), wandert allerdings je nach Spielverlauf spiralförmig auf die höheren Wertungsfelder. Schnell noch die Ratte in die Holzschale werfen und den gefüllten Trank in die Schale stellen, schon kann es losgehen!

Damit die Spielrunden sich im Detail unterscheiden, sorgt das Vorlesen einer Wahrsagekarte für verschiedene Sondereffekte, die sofort eintreten oder für die Dauer der gesamten Runde aktiv bleiben. Die Ereignisse wirken sich spürbar auf einzelne Spielsituationen aus, sind jedoch insgesamt eher dezent in das Geschehen eingearbeitet, sodass dadurch keine spielkritischen Momente entstehen. 

Anschließend ziehen die Spieler solange Zutatenplättchen aus ihrem Beutel bis sie von selbst aufhören oder der Wert aller Knallerbsen größer als 7 ist. Dann nämlich explodiert der Kessel und die Suppe fliegt besonders risikofreudigen Spielern um die Ohren. Die Zutatenplättchen werden dabei entsprechend ihres Zahlenwertes angefangen bei dem Tropfstein (beziehungsweise der Ratte) auf dem Kesselbrett vorgerückt. Je weiter Spieler in der Kesselspirale kommen, desto höher ist die Anzahl der Siegpunkt sowie das verfügbare Budget für Einkäufe im Zutatenladen. Die richtige Mischung aus Genügsamkeit und Risikobereitschaft zu finden ist bei Die Quacksalber von Quedlinburg der Schlüssel zum Erfolg.

 

Das Ziehen und Auslegen der Plättchen endet, wenn alle Spieler gepasst haben oder ihre Kessel explodiert sind. Die Spieler mit den höchsten Wertungen dürfen anschließend ihr Würfelglück herausfordern und auf diese Weise einige Boni einheimsen. Entsprechend dem Regelwerk werden Rubine verteilt, Boni der verschieden farbigen Zutatenplättchen ermittelt und die Spielertokens auf dem Wertungsbrett entsprechend der Anzahl der ergatterten Siegpunkte verschoben.

 

Mit den erspielten Wertungspunkten gehen Alchemisten auf Einkaufstour und wählen aus der Auslage die Zutaten, die sie für ihre nächsten Runden benötigen. Dieser taktische Kniff des Bag-Buildings ist eine schöne Ergänzung zur stets präsenten Push-your-Luck-Mechanik. 

Die letzten Handlungen der Spieler betreffen das Schaffen einer besseren Ausgangslage durch das Weiterschieben des Tropfsteins für jeweils zwei Rubine oder das Auffüllen der eventuell benutzten Anti-Knallerbsen-Tränke für denselben Betrag. Mit dem Trank können Spieler eine Knallerbse zurück in ihren Beutel legen; allerdings nur bevor das Gebräu in die Luft geflogen ist. 

Nach der Rattenschwanzkontrolle beginnt sodann die nächste Runde. Gespielt werden pro Partie insgesamt neun Runden, dann endet der Spaß und die Sieger werden ermittelt.

 

Langzeitmotivation durch Sets und eine Variante

Wer der Grundversion von Die Quacksalber von Quedlinburg überdrüssig wird, kann auf insgesamt vier verschiedene Sets sowie eine Spielvariante zurückgreifen, um neue Reize zu setzen. Die vier verschiedenen Sets an Rezeptbüchern sorgen für überraschende Komplexität und Abwechslung. Wer Die Quacksalber von Quedlinburg das erste Mal spielt, wird mit der Grundversion völlig zufrieden sein. Schleicht sich nach einigen Partien Routine ein, sorgt das zweite Set für neue Impulse. Jede Grundzutat erhält leicht abgewandelte Effekte, die das Brettspiel nicht völlig umkrempeln, sich jedoch im Detail spürbar auswirken. Wer mit Set 2 genug gespielt hat, wählt den dritten Satz aus Rezepten und anschließend Set 4. 


Selbst Spieler, die alle vorgegebenen Rezeptbücher ausgiebig bespielt haben, finden danach noch Anreize, um Die Quacksalber von Quedlinburg erneut aus dem Regal zu holen. Für Experten fängt das Brettspiel dann erst richtig an, denn jede Zutat kann beliebig mit anderen Ingredienzien gemischt werden. Das lädt zum Experimentieren ein und ist eine tolle Idee für all jene, die sich selbst ein Spielerlebnis erschaffen wollen. 

Die Quacksalber von Quedlinburg im Test

Frühe Phase im Brettspiel Die Quacksalber von Quedlinburg. Der Blick in den Sack offenbart die hohe Wahrscheinlichkeit ein weißes Plättchen zu ziehen. Gucken darf man natürlich nicht: es wird blind gezogen, was die Push-to-Luck-Mechanik spürbar werden lässt. 

Dem Brettspiel liegt ein praktischer Almanach bei, der jedes Rezept erläutert. Ein zusätzlicher Clou ist die Rückseite des Kesselbretts, das bei Verwendung die Variante darstellt. Jeder erhält in diesem Fall einen zweiten Tropfstein, der in der Reagenzglas-Reihe des Spielerbretts zusätzliche Boni in Form von Rubinen, Punkten oder Zutaten freischaltet.

 

Die Jury des Spiel des Jahres e.V. hat dem Kennerspiel des Jahres 2018 einen enormen Wiederspielwert bescheinigt. Und tatsächlich ist Die Quacksalber von Quedlinburg ein Titel, der immer neue Reize setzen kann - selbst nach der fünfzigsten Partie. Viel mehr Brettspiel für sein Geld bekommt man derzeit nur selten im Handel. Das taktische Spiel von Wolfgang Warsch ist jeden Cent wert.

 

Die Quacksalber von Quedlinburg als Kennerspiel?

Kennerspiel des Jahres 2018 Test

Die Auszeichnung als Kennerspiel des Jahres verleiht Brettspiele einen oft missverständlichen Touch als Expertenspiel. Die Quacksalber von Quedlinburg ist dabei weder besonders schwierig noch extrem anspruchsvoll. Im Grunde könnte man das taktische Brettspiel von Wolfgang Warsch als Familienspiel mit angehobenem Niveau bezeichnen. Es überwiegen zahlreiche emotional Momente: Freude, Schadenfreude und Verärgerung (meistens über die eigene Gier) wechseln sich in schneller Folge ab und machen aus einer Brettspielpartie eine emotionale Achterbahnfahrt. Statt komplizierter Regeln sind es viel eher die teils frustrierenden Situationen, die vor allem unerfahrenen Spielern auf ihr Gemüt drücken. Wenn jegliches Glück in weite Ferne rückt und man als Spieler des Öfteren Knallerbsen in den Kessel werfen muss, kann die Motivation zum Weiterspielen schwinden. Aufgeben sollte man dennoch nicht, denn immer wenn es nach einer Explosion um die Entscheidung zwischen Siegpunkten und Einkaufen geht, können viele Zutatenplättchen mit niedrigen Werten den Beutelinhalt verdünnen, damit die nächste Runde wieder etwas erfolgreicher ausfällt.

 

Taktisch anspruchsvoll ist Die Quacksalber von Quedlinburg nicht. Es geht darum, in den richtigen Momenten kluge Entscheidungen zu treffen, um den Beutelinhalt möglichst optimal zu gestalten. Hauptsächlich kommt es auf das Glück der Spieler an, wenn sie ihre Hand aus dem Beutel ziehen. Gefühlt befindet sich in den schwarzen Säcken immer ein Überschuss an Knallerbsen, sodass "ärgerliche Momente" in nahezu jeder Partie auftreten. Das ist gut, weil es letztendlich auch lustig ist.

Ob das Brettspiel Die Quacksalber von Quedlinburg in der Kategorie Kennerspiel des Jahres wirklich richtig aufgehoben ist, muss jeder für sich selbst beurteilen.  

Bilder zu Die Quacksalber von Quedlinburg

Infobox

Spielerzahl: 2 bis 4 Spieler 

Alter: ab 10 Jahren

Spieldauer: 35 bis 60 Minuten

Schwierigkeit: mittel

Langzeitmotivation: hoch

 

Verlag: Schmidt Spiele

Autor: Wolfgang Warsch

Grafik: Dennis Lohausen

Erscheinungsjahr: 2018

Sprache: deutsch

Kosten: 35 Euro

 


Fazit

Das taktische Brettspiel Die Quacksalber von Quedlinburg macht Spaß und ist durchaus ein würdiger Preisträger, wenn auch mit einer umstrittenen Kategorienauswahl. Wolfgang Warsch hat es geschafft, ein Spielsystem zu entwerfen, bei dem Glück zwar eine große Rolle spielt, taktische Entscheidungen sich aber dennoch auf das Spielgeschehen auswirken können. Ausgefuchste Taktiker und Experten wird die Push-your-Luck-Mechanik wahrscheinlich dennoch so sauer aufstoßen wie nach dem Genuss eines Kreuzspinnencocktails. Man kann seinen Beutelinhalt noch so clever zusammenstellen - wenn einen das Glück verlässt, wirkt die Anzahl der im Beutel befindlichen Knallerbsen manchmal frustrierend hoch. Am Ende geht es um statistische Wahrscheinlichkeiten, die sich beeinflussen lassen - garantiert sind gute Rundenergebnisse aufgrund des notwendigen Glücks beim Ziehen der "geplanten" Plättchen aber nicht. Es ist vertretbar Die Quacksalber von Quedlinburg als taktisches Brettspiel zu bezeichnen, auch wenn noch lange nicht jede erdachte Strategie sich auch auf den Spieltisch übertragen lässt. Unterhaltsam ist die Idee von Wolfgang Warsch jedenfalls. Sogar sehr - und darauf kommt es bei einem Spiel in erster Linie an.

 

Das dem Brettspiel zugrundeliegende System des Bagbuildings funktioniert tadellos, wobei sich der Erfolg nicht zuletzt auch nach der Risikobereitschaft der Spieler richtet. Von allzu niedrigen Punktzahlen in den Anfangsrunden sollten neue Spieler sich nicht zu Unvorsichtigkeit verleiten lassen. Wer zu oft Kesselexplosionen herbeiführt, sich dann mehrmals gegen die Siegpunkte (und damit fürs Shopping) entscheidet, verliert schnell den Anschluss zum führenden Spieler. Die Ratte gleicht zwar den Vorsprung etwas aus, insgesamt ist es jedoch eher schwierig einen Spieler einzuholen, der im Wissen seiner Führung auf Sicherheit spielt. Das ist ein kleines Manko, das sich allerdings durch diverse Spielvarianten vermindern lässt. Auch hier präsentiert sich Die Quacksalber von Quedlinburg erstaunlich facettenreich. Für immer neue Motivationsschübe - und damit eine ordentliche Portion Langzeitspielspaß - sorgen die vier Sets sowie eine Variante, die das Grundspiel um Längen besser machen.

 

Die optische Präsentation mit den tollen Illustrationen von Dennis Lohausen tragen einen großen Teil zum gelungenen Spielerlebnis bei. Die Quacksalber von Quedlinburg spielt mitten im Harz. Quedlinburg selbst ist ein enorm historischer Schauplatz und aufgrund der hohen dichte an Sehenswürdigkeiten eines der größten Flächendenkmäler in der Bundesrepublik Deutschland. Ohnehin ist der Harz für seine schaurigen Hexenmärchen bekannt. Dass grade dort Spinnenbeine, Alraunwurzel und allerlei Getier zu schmackhaften Tränken verarbeitet werden wollen ist keine Überraschung. Die Quacksalber von Quedlinburg nutzt sein mittelalterliches Gewand, um Spieler auf charmante Weise in ein uriges Setting zu entführen. Die hervorragende Qualität merkt man dem Brettspiel auch an seinem Material an. Alles ist bunt, sympathisch und einladend. Einzig die eigenwillige Farbwahl lässt Spieler manchmal die Übersicht verlieren.

 

Die Quacksalber von Quedlinburg bietet zahlreiche emotionale Momente und einen sanften, unaufgeregten Spielablauf, der durch kleinere Ereignisse immer wieder aufgelockert wird. Das Spiel plätschert spaßig vor sich hin, meist ohne Wow-Effekte auszulösen. Auf eine besondere Art ist aber genau das die größte Stärke des taktisch geprägten Glücksspiels von Wolfgang Warsch: Die Quacksalber von Quedlinburg funktioniert ohne sich in taktischen Feinheiten zu verlieren. 

Das kurzweilige Brettspiel aus dem Hause Schmidt Spiele ist ein würdiges Kennerspiel des Jahres 2018 und sicher auch eines der Highlights des aktuellen Spielejahrgangs.

  (av) 

Wertung

Wertung zur Rezension von Die Quacksalber von Quedlinburg

Auszeichnung



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